Wie barrierefrei ist Eggenfelden?

Ein Bericht von Busch Levi, Gerstorfer Michael, Leitl Lucia und Seidl Nicole. Teilnehmer des Projekts „Barrierefreiheit in Eggenfelden“.

Wir Schüler der Montessori Schule Eggenfelden erleben eine Woche als Rollstuhlfahrer.

Wie barrierefrei ist Eggenfelden? Diese Frage haben wir, die Schüler der Montessori Schule Eggenfelden, nicht nur uns, sondern auch den Einwohnern der Stadt in einem einwöchigen Projekt gestellt.

Den Anfang nahm alles, als unsere Lehrerin Frau Geisberger uns die „Wheelmap“, die von dem Verein „Sozialhelden“ ins Leben gerufen wurde, vorstellte. Diese kostenfreie App zeigt auf einer Online-Landkarte mit Hilfe eines Ampelsystems, inwieweit Orte, Geschäfte, Toiletten etc. barrierefrei sind. Die Farbe Rot markiert Gebäude oder Plätze, die mit Rollstuhl oder Rollator nur mit großer Hilfe oder überhaupt nicht betreten werden können. Gelb signalisiert, dass das Gebäude oder der Platz nur teilweise rollstuhlgerecht ist, Grün dagegen zeigt Barrierefreiheit an. Jedoch sind auf der Wheelmap noch nicht alle Orte eingetragen. Diese werden dann Grau hinterlegt. Uns war klar: Die Farbe Grau möchten wir für die Stadt Eggenfelden in Rot, Gelb oder – natürlich am liebsten – in Grün ändern. Die Idee für unser Projekt war geboren!

Doch wie sollten wir die Barrierefreiheit eines Ortes beurteilen können? Dazu wollten wir die Perspektive eines Menschen mit Behinderung einnehmen. Als Erstes haben wir Schüler aus der vierten bis achten Jahrgangsstufe uns Rollstühle und Rollatoren von den Sanitätshäusern Göldner und Wolzenmüller & Waxenberger ausgeliehen, ohne deren freundliche Unterstützung unser Projekt erst gar nicht hätte starten können. Dann mussten wir noch Plätze und Gebäude auswählen, die wir besuchen wollten, und Interviewfragen finden, um die Erfahrungen und Einstellungen der Menschen zum Thema Behinderung und Barrierefreiheit zu erfahren. Uns war es wichtig, Orte auszuwählen, die die meisten in ihrem Alltag aufsuchen, wie zum Beispiel Arztpraxen, das Amtsgericht, Apotheken, das Rathaus, die Stadtbibliothek, Cafés, Restaurants und verschiedene Läden.

Mit Hilfe der Rollstühle und Rollatoren war es uns zum Teil möglich, zu erleben, wie sich ein Mensch mit Behinderung fühlt und auf welche Herausforderungen er in seinem Alltag stößt, die wir mit unseren gesunden Beinen sonst nicht haben: Die Beschaffenheit der Wege ist durch Kopfsteinpflaster, Schlaglöcher oder Unebenheiten oft tückisch oder sogar gefährlich und die Ampeln schalten rasch auf Rot um, sodass man eigentlich ein Rennfahrer sein müsste, um noch bei Grün an der anderen Straßenseite anzukommen. Was uns außerdem auffiel, waren zwar einige skeptische Blicke von Passanten, aber auch die Hilfsbereitschaft vieler Mitmenschen. Als wir von unserem Projekt erzählten, waren die meisten sehr interessiert, ein paar lehnten es jedoch ab, interviewt zu werden. Fast alle Geschäftsinhaber und –mitarbeiter waren aufgeschlossen und hilfsbereit, manche nahmen sich sogar die Zeit, um uns ihre Räume genauer zu zeigen und Dinge zu erklären.

Besonders ältere Leute, die selbst nicht mehr gut zu Fuß sind, freuten sich sehr über unser Projekt und erzählten uns ihre eigenen Erfahrungen als Mensch mit Behinderung. Eine ganz besondere Begegnung wurde uns mit einem 95-jährigen Mann zuteil. Er selbst weiß auch, wie es ist, mit Gehbehinderung zu leben, da er im 2.Weltkrieg durch Granatsplitter an Bein und Hüfte schwere Verletzungen erlitten hat. Er war zu Tränen gerührt darüber, dass wir uns für Menschen, die im Rollstuhl sitzen, einsetzen und andere zum Nachdenken über Barrierefreiheit anregen.    

Für die Wheelmap haben wir dann folgende Gegebenheiten getestet: die Breite des Geschäftseinganges, das Vorhandensein von Treppen oder Rampen und die Zugänglichkeit der Toiletten. Gerade bei den historischen Gebäuden der Altstadt fehlen Aufzüge und barrierefreie Zugänge. Vielen fehlt es auch an behindertengerechten WCs, doch dafür hat die Stadt eine Lösung: im Stadtpark existiert eine Toilette für Rollstuhlfahrer, für die sich jeder Mensch mit passendem Behindertenausweis einen Schlüssel kaufen kann – ja: KAUFEN. Zumindest schließt dieser Schlüssel dann alle Behindertentoiletten in ganz Bayern auf.

Nach jedem Tag in der Stadt Eggenfelden im Rollstuhl und mit Rollator wurden unsere Testergebnisse in die Wheelmap eingetragen und diese so ergänzt. Wenn dies jeder tun würde, könnte die Landkarte bald vollständig sein. Darum: helfen Sie uns und werden Sie bitte auch aktiv und tragen Orte auf der kostenlosen Wheelmap oder auf www.wheelmap.org ein!

Großen Dank an den Sanitätshäusern Göldner und Wöllzenmüller&Waxenberger!